Türchen 11: Maeve

Bleistift und Aquarell, A4, 2020

Caution: English description below!

Ein weiterer Privatauftrag aus Aventurien. Und erneut freue ich mich über eine kleine Kurzgeschichte dazu aus der Feder der Auftraggeberin, diesmal Yasmin Bayer. Vielen lieben Dank!

Sanfte, schlendernde Schritte führten die hochgewachsene Gestalt, deren Gesicht halb durch eine weite Kapuze verdeckt wurde, über den Marktplatz. In Fairnhain hatte der Frühling Einzug gehalten und mit ihm ein Fest zu Ehren der Herrin Farindel. In dem bunten Treiben, das sich um sie herum abspielte, wirkte die Person irgendwie verloren, aber dennoch so, als wäre sie genau an dem Ort, an dem sie sein sollte. An den sie gehörte. Blicke wichen den ihren aus, wenn auch nur verstohlen und flüchtig, denn so wirklich wollte man sich an diesem freudenreichen Tag nicht eingestehen, dass eine scheinbar einfache Frau einem aus heiterem Himmel Unbehagen bescherte. Jedoch vertrieb das Fest im Nu beinahe jeden düsteren Gedanken aus den Köpfen der Menschen und die Kapuzengestalt bedachte all dies mit einem milden, beinahe schon etwas arroganten Lächeln. Menschen waren einfach zu studieren, vor allem wenn man ihre Heimat kannte und selbst dort verwurzelt war. Oh, was hatte man sie in ihrer Jugendzeit gemieden und verlacht wegen ihres schlohweißen Haares und der karmesinroten Seelenspiegel, die selbst bei wenig Sonneneinwirkung bereits leicht zu blinzeln begannen. Heute stand sie über diesen Dingen, hatte ihren eigenen Horizont um ein Vielfaches erweitert.

Ruhig und gelassen wanderte ihr Blick über die Ware, die an den Marktständen feilgeboten wurde. Bunter Bänder und bemalte Steine zählten zu einer Vielfalt von Tand, der sich dort auf den Holzbrettern türmte. Etwas von Wert war nicht dabei, wenn man vielleicht von sentimentalem absah. Aus diversen Ecken dampfte der Geruch von Fleisch am Stock und süßen Küchlein, dick in Schmalz gebacken, an sie heran. Doch schließlich war es ein Notizbuch aus beinahe schon groben Pergament, das ihre Aufmerksamkeit erregte – ehe ein leises Wimmern sie aus ihrer Schlenderei heraus riss. Dem Händler ein paar Münzen zum Begleichen der Schuld für das Kleinod auf den Tresen gelegt, flog ihr Blick in Richtung des Lautes, den sie soeben noch vernommen hatte. Ein kleines Mädchen, dessen Gesicht von wilden, braunen Locken umrahmt wurde, hielt sich leise schluchzend die rotglühende Wange; während ein Mann mittleren Alters drohend über ihr aufragte.

Hin und wieder streifte der Blick eines Festbesuchers die beiden, wich den Augen des Mannes dann aber doch wieder rasch aus. Feiglinge … Hätte jemand die Gedanken der glutäugigen Kapuzenträgerin hören können, so hätte er den triefenden Beigeschmack von Verachtung darin nur zu deutlich gespürt. Flinke Finger schoben das soeben erworbene Notizbuch in den Beutel, ehe auch schon wenige Schritte sie an den Rand der Szenerie führten. In einer fließenden Bewegung sank die junge Frau in die Hocke, um dem Mädchen die Hand zu reichen.
„Hat er dir wehgetan?“ Sanft drangen die Worte zwischen den Lippen der Frau hervor, während sie im selben Atemzug das Kind auf die Beine zog – gerade rechtzeitig, um den sich vor ihr aufbauenden, erzürnten Mann in vollem Profil vor sich zu haben.
„Hör mal du Waschweib, wie ich meinem Kind Gehorsam beibringe geht dich einen feuchten Dreck an.“
Ein Zucken schwappte über die Oberlippe der Kapuzendame. „Oh… ist das so?“
Die Ruhe, mit der die Worte von ihrer Zunge glitten, schienen den Mann nur noch mehr in Rage zu bringen. „Und jetzt scher dich zurück hinter deinen Waschzuber, wo du hingehörst, bevor dir mein Gürtel um die Ohren fliegt!“
Ein Herzschlag. Dann ein weiterer. Das Zucken hatte sich bis in die Mundwinkel der verhüllten Frau ausgebreitet. Weinte sie etwa? Nein …
Ein leises, kehliges Lachen drang aus ihrem Hals hervor. „Du willst mich also das Fürchten lehren?“ Die Hände glitten zu den Rändern der Kapuze, während sich in ihrem Inneren bereits die Astralkraft bündelte.
„So wollen wir sehen, wer hier Meister und wer Schüler ist …“ Die Kapuze fiel. Schlohweißes Haar, blendend hell leuchtend in der Sonne.
„Horriphobus!“


And now in English please

Pencil and watercolor, A4, 2020

Another private order from Aventuria. And once again I’m happy to receive a short story from the pen of the client Yasmin Bayer. Thank you very much!

Gentle, ambling steps led the tall figure, whose face was half hidden by a wide hood, across the marketplace. Spring had come to Fairnhain and with it a festival in honor of Lady Farindel. In the hustle and bustle that took place around her, the person seemed somehow lost, but still as if she were exactly in the place where she should be. Where she belonged. Glances avoided hers, even if only furtively and fleetingly, because one did not really want to admit to oneself on this joyful day that a seemingly simple woman made one uncomfortable out of the blue. However, the feast drove almost every gloomy thought out of people’s minds in an instant, and the hooded figure covered all this with a mild, almost somewhat arrogant smile. Humans were easy to study, especially if you knew their homeland and were rooted there yourself. Oh, what she had been shunned and ridiculed in her youth because of her fleecy white hair and crimson soul mirrors that began to blink even slightly with little exposure to the sun. Today she stood above these things, had expanded her own horizons many times over.

Calmly and serenely, her gaze wandered over the wares being hawked at the market stalls. Colorful ribbons and painted stones were among a variety of trinkets piled up on the wooden boards. There was nothing of value there, except perhaps for sentimental items. From various corners the smell of meat on a stick and sweet cakes, thickly baked in lard, steamed up to them. But finally it was a notebook made of almost coarse parchment that caught her attention – before a soft whimper snapped her out of her amble. Placing a few coins on the merchant’s counter to pay the debt for the gem, her eyes flew in the direction of the sound she had heard a moment ago. A little girl, her face framed by wild brown curls, held her red-hot cheek, sobbing softly; while a middle-aged man loomed menacingly over her.

Every now and then, the gaze of a party-goer brushed against the two, but then quickly avoided the man’s eyes again. Cowards … If anyone had been able to hear the thoughts of the glowering hooded wearer, he would have sensed the dripping taint of contempt in them all too clearly. Nimble fingers slid the just-acquired notebook into the pouch before even a few steps brought her to the edge of the scene. In one fluid motion, the young woman sank into a crouch to offer her hand to the girl.
„Did he hurt you?“ Softly the words escaped from between the woman’s lips, while in the same breath she pulled the child to her feet – just in time to see the enraged man towering in front of her in full profile.
„Listen, you washwoman, how I teach my child obedience is none of your damn business.“
A twitch spilled over the hooded lady’s upper lip, „Oh…is that so?“
The calmness with which the words slipped from her tongue only seemed to infuriate the man further. „Now get back behind your wash tub where you belong before my belt blows up in your face!“
A heartbeat. Then another. The twitch had spread to the corners of the cloaked woman’s mouth. Was she crying? No …
A low, throaty laugh escaped from her throat. „So you’re going to teach me to be afraid?“ Her hands slid to the edges of the hood, while astral power was already pooling inside her.
„So let’s see who is master and who is disciple here …“ The hood fell. Cloak-white hair, dazzlingly bright shone in the sun.
„Horriphobus!“